Allein sein - Ein Interwiew mit Emma Marr

Wo eine Tür zufällt, öffnen sich neue – ein Gespräch mit Emma Marr

Viele von uns kennen sie, die freundliche Dame über achtzig, die im Gottesdienst meist hinten links sitzt. Seit 54 Jahren ist sie Rollstuhlfahrerin und seit drei Jahren lebt sie nach dem Tod ihres Mannes Dieter allein. Immer war sie gern unterwegs. Jetzt geht das nicht mehr so leicht. Das ist und war nicht einfach für sie. Aber ihre Lebensfreude hat sie trotzdem wiedergefunden. Das merkt jeder, der sie trifft.

 

Emmi, du bezeichnest dich selbst als eine, die geübt ist im „Eventfasten“. Was verstehst du darunter?

Wir sind es gewohnt, dass wir von überallher Angebote zum Zeitvertreib bekommen. Kino, Theater, Musik, Spor. Verlockende Möglichkeiten außerhalb unserer eigenen vier Wände. Und jetzt plötzlich sollen wir daheimbleiben. Das ist ganz schön schwierig, wenn wir es gewohnt sind, dass andere für uns das Programm gestalten. Ich kenne die Erfahrung, nicht spontan etwas unternehmen und am öffentlichen Leben teilnehmen zu können, schon seit ich in den Rollstuhl kam. Ich hatte zuvor ein schönes und zugleich stressiges Leben als junge Lehrerin mit 50 Kindern in einer Klasse. Als ich dann krank wurde, habe ich auch gemerkt : Plötzlich vorhandene, nicht verplante Zeit ist ein Geschenk!
Und: Weniger ist oft mehr. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass ein besonderes Ereignis nach dem anderen kommt. Die Intensität des Erlebten wird aber noch intensiver, wenn man nicht von Unternehmungen überrollt wird. Jedes einzelne Erlebnis hat dann eine größere Bedeutung und einen besser hörbaren Nachklang.

Neulich hast du gesagt, diese Passionszeit sei eine ganz besondere. Was hast du damit gemeint?

Die Passionszeit galt ja mal als stille Zeit. Und was ist daraus geworden? Eine Zeit, so hektisch wie die Wochen davor und danach. Ich könnte mir jetzt vorstellen, dass es vielen gut tut, mal inne zu halten. Sich Zeit zu nehmen, bewusst und konzentriert etwas zu lesen, was einem Kraft gibt. Für mich z.B. sind das die Tagebücher von Jochen Klepper oder die Brautbriefe von Dietrich Bonhoeffer. Gerade fällt mir auf, dass die beiden ja auch in Ausnahmesituationen waren, abgeschottet bzw ausgegrenzt von der Außenwelt. Dietrich Bonhoeffer, weil er als Gegner des Naziregimes ins Gefängnis gekommen war und Jochen Klepper als Ehemann einer Jüdin im 3. Reich.
In der gegenwärtigen Situation freue ich mich schon darauf, an den täglichen Andachten teilzunehmen, die auf der Homepage der Gemeinde angeboten werden.

In den letzten Jahren hast du sehr viel Zeit allein in deiner Wohnung verbracht. Welche Tipps gibst du uns, die wir jetzt viel mehr als sonst zu Hause bleiben müssen und auf Sozialkontakte möglichst verzichten sollen?

Für mich hat sich immer wieder gezeigt, dass da, wo eine Tür zugeht, sich auch neue Türen öffnen können. So habe ich schon vor vielen Jahren ganz bewusst überlegt, was ich alles für mich in meiner Wohnung unternehmen kann und mir ist vieles eingefallen. Ich hatte das Glück, schon immer gern mit mir allein zu sein. Aber auch jemand, der im Alleinsein nicht so geübt ist, kann sich Gedanken machen, was er oder sie eigentlich zu Hause schon immer gern tun wollte, aber aus Zeitgründen unterlassen hat. Dabei ist es gut, sich auf eigene Fähigkeiten und Interessen zu besinnen: Malen, Schreiben, Handarbeiten, Musik, Geschichte, Kochen usw. Als in meinem Leben auf einmal von außen keine Struktur mehr vorgegeben war, habe ich es als Befreiung empfunden, meinen eigenen Rhythmus leben zu dürfen. Dabei musste ich allerdings auch ein gewisses Maß an Disziplin entwickeln, um die dann doch noch notwendigen Tätigkeiten, etwa im Haushalt, nicht beliebig aufzuschieben.
Ein Letztes: Auch, wenn wir gegenwärtig viel zu Hause sind: Den beginnenden Frühling können wir trotzdem mit allen Sinnen erleben. Schon morgens im Bett, wenn wir die Vögel zwitschern hören.

Das Interview führte Angelika Brennecke